Geschichten

 

LesungenFürbittenGeschichtenSegensgebeteTexteGebete
Home 
Liturgie 
Ja, wir trauen uns 
Eheseminare 
Trausprüche 
Fragen & Antworten 
Ehebegleitung 
Referenzen 
Messa degli sposi 
Literatur 
Familiengottesdienste 
Familien feiern Feste 

 

 

Eine junge Frau

Es gab einmal eine junge Frau. Am Vorabend Ihrer Hochzeit stand sie neben ihrer Mutter am Strand und beobachtete die Sonne, die am Horizont versank. Da fragte sie ihre Mutter: " Mutter, mein Vater liebt dich und ist dir immer treu gewesen. Was soll ich tun, damit mein Mann mich stets lieben wird?
Die Mutter schwieg und dachte nach. Dann bückte sie sich, ergriff eine Hand voll Sand und kam zu ihrer Tochter. Ohne etwas zu sagen drückte sie die Finger der einen Hand immer fester um den Sand - und je fester sie zudrückte, desto schneller rann er durch ihre Finger. Als sie die Hand öffnete klebten nur noch einige wenige Sandkörner daran. Aber die andere Hand hatte die Mutter wie eine kleine Schale aufgehalten. Dort häuften sich die Körner und schimmerten herrlich im Licht der Sonne. "Das ist meine Antwort" sagte die Mutter.

Nur der Same
Ein junges Brautpaar hatte einen Traum:Sie betraten einen Laden. Hinter der Ladentheke sahen sie einen Engel. Hastig fragten sie ihn: "Was verkaufen Sie, mein Herr?"Der Engel gab ihnen freundlich zur Antwort: "Alles, was Sie wollen!" Da sagte das Brautpaar wie aus der Pistole geschossen: "Dann hätten wir gerne: Glück und Harmonie für unsere Ehe! Gesundheit und ein gutes Auskommen!Einen festen Glauben an Gott, den Ersten in unserem Bunde! Die feste Bereitschaft, immer miteinander zu reden und zu verzeihen! Genügend Zeit und Nerven, um unseren Kindern gerecht zu werden, wenn wir sie geschenkt bekommen!"-- Die Braut gab dem Bräutigam einen Rippenstoß ... "Ach ja, das Ende der Kriege in der Welt und in den Häusern! Die Beseitigung der Elendsviertel, nah und fern! Ausbildungsplätze für Jugendliche und, und ..." Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: "Entschuldigen Sie, liebes Brautpaar, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen!"

Ich bin für meine Rose verantwortlich
Und der kleine Prinz kam zum Fuchs zurück. "Adieu", sagte er ... "Adieu", sagte der Fuchs. "Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
"Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig."
"Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe ...", sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
"Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen", sagte der Fuchs. "Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich ..."
"Ich bin für meine Rose verantwortlich ...", wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
Antoine de Saint-Exupéry

 Die langen Löffel
Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand.
Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blaß mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten.
Als die beiden Besucher wieder draußen waren fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.
Darauf führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel. 

Die Rose
Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten pariser Aufenthaltes.
Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau immer am gleichen Ort.
Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zu Antwort: "Wir müßten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete:
Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küßte sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebet-telt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.
Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?" fragte die Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose . . ."
Josef Bill

Nichts gefällt mir besser als du!
Es geschah einmal, daß eine junge Frau in Sidon mit ihrem Mann zehn Jahre lang lebte, ohne daß sie ihm ein Kind gebar. Dem Gesetz in diesen Angelegenheiten folgend, gingen sie zu Rabbi Simeon bar Jochai, um sich scheiden zu lassen.
Der Rabbi sprach zu ihnen: "Bei eurem Leben! So wie ihr, als ihr euch trauen ließet, bei einem festlichen Gelage zusammen kamt, so solltet ihr euch auch jetzt nicht ohne ein festliches Gelage trennen. "
Sie folgten dem Rat des Rabbi und bereiteten ein großes Fest, bei dem die Frau ihrem Mann mehr als gewöhnlich zu trinken gab. Als er sich nun sehr wohl fühlte, sagte er zu seiner Frau: "Töchterlein, du kannst dir aus meinem Hause das mit-nehmen, was dir am besten gefällt; und dann kehre zurück in das Haus deines Vaters."
Was tat sie? Als er eingeschlafen war, befahl sie ihren Knechten und Mägden, ihn und das Bett, auf dem er schlief, in das Haus ihres Vaters zu bringen. Um Mitternacht wachte der Mann auf. Als der Weinrausch ihn verlassen hatte, sah sich der Mann verwundert um und sprach: "Töchterlein, wo bin ich denn eigentlich?
"Du bist", antwortete sie, "im Hause meines Vaters."
"Was habe ich denn mit dem Hause deines Vaters zu tun?"
Sie antwortete: "Erinnerst du dich nicht daran, daß du mir gestern abend gesagt hast, daß ich das, was mir am besten gefällt, mitnehmen kann, wenn ich zu meinem Vater zurückkehre? Nichts gefällt mir besser in der ganzen Welt als du!"
Da gingen sie wieder zusammen zu Rabbi Simeon bar Jochai. Er betete für sie; und die Frau wurde schwanger.
Nach Schir Haschirim Rabbah

Der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren
Es war einmal ein Ehepaar, das lebte glücklich irgendwo. Die beiden liebten sich, teilten Freude und Leid, Arbeit und Freizeit, Alltag und Sonntag miteinander. Über Jahre lebte das Ehepaar in diesem Glück, bis eines Tages. . .
Eines Tages las das Ehepaar miteinander in einem alten Buch. Es las, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berührten. Dort gäbe es das große Glück, dort sei der Himmel.
Das Ehepaar beschloß, diesen Ort zu suchen. Es wollte nicht umkehren, bevor es den Himmel gefunden hätte. Das Ehepaar durchwanderte nun die Welt. Es erduldete alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt mit sich bringt. Sie hatten gelesen, an dem gesuchten Ort sei eine Tür, man brauche nur anzuklopfen, hineinzugehen und schon befinde man sich beim großen Glück. Endlich fand das Ehepaar, was es suchte. Die beiden klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete.
Und als sie eintraten, blieben sie sofort erstaunt stehen. - Sie standen in ihrer eigenen Wohnung. Die Wohnung war so, wie sie sie verlassen hatten. Nein, nicht ganz! Da gab es eine neue Tür, die nach draußen führte und jetzt offen stand.
Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem das Glück zu finden ist, dieser Ort bef1ndet sich auf dieser Erde. Er befindet sich direkt in unserer Umgebung. Wir brauchen nur die Tür zu öffnen. Wir brauchen nur am Leben anderer teilnehmen, andere an unserem Leben teilnehmen lassen.
nach einer Legende

Die chinesische Hochzeit
Die Brautleute hatten nicht viel Geld, aber dennoch waren sie der Meinung, daß viele Menschen mitfeiern sollten. Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Es sollte ein großes Fest werden, beschlossen sie, mit vielen Gästen. Denn warum sollte unsere Freude nicht ansteckend sein? - fragten sie sich. Es herrscht unter den Menschen ohnehin mehr Leid als Freude. Also baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche Wein mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Faß stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten; und so sollte jeder die Gabe des anderen trinken und jeder mit jedem froh und ausgelassen sein.
Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen Faß und schöpften daraus. Doch wie groß war das Erschrecken aller, als sie merkten, daß es Wasser war. Versteinert saßen oder standen sie da, als ihnen allen bewußt wurde, daß eben jeder gedacht hatte: Die eine Flasche Wasser, die ich hineingieße, wird niemand merken oder schmecken.
Nun aber wußten sie, daß jeder so gedacht hatte. Jede von ihnen hatte gedacht: Heute will ich mal auf Kosten anderer feiern. Unruhe, Unsicherheit und Scham erfaßte alle, nicht nur, weil es lediglich Wasser zu trinken gab. Und als um Mitternacht das Flötenspiel verstummte, gingen alle schweigend nach Hause, und jeder wußte: Das Fest hatte nicht stattgefunden.
Chinesische Parabel

Weißer Taft
Eine junge, hübsche Dame betrat das Geschäft. Eine erfahrene Verkäuferin bot sich sofort an: "Sie wünschen, bitte?" "Ich suche Stoff für ein Seidenkleid, das bei jedem Schritt rauscht!" "Da nehmen Sie am besten Taft. Wir haben ihn in sehr schönen leuchtenden Farben." "Die Farbe spielt keine Rolle. Es kommt nur darauf an, dass das Kleid zu hören ist!" Zwei junge Lehrlinge im Hintergrund stießen einander an. Der eine flüsterte: "Sie sollte sich noch ein paar Glöckchen annähen lassen. Das klingelt so hübsch."
"Hier haben wir apartes Lila", war die Verkäuferin wieder zu hören, "und weiß ist natürlich immer schön." Die junge Dame entschied sich für weiß. Sie ließ den Stoff durch die Finger gleiten. "Hört man es?" fragte sie wieder. "Ja", versicherte die Verkäuferin, "man hört es ganz deutlich!" Sie kaufte sieben Meter, bezahlte und verließ das Geschäft. "Laufen Sie der Dame nach", sagte die Verkäuferin zu dem einen Lehrling, "sie hat ihre Handschuhe liegengelassen." An der nächsten Kreuzung erreichte er die Dame. "Bitte, Ihre Handschuhe!" "Das ist lieb von Ihnen."
"Verzeihen Sie bitte meine Frage: Warum kam es Ihnen eben beim Kauf so darauf an, daß der Stoff unbedingt rauscht?" Sie antwortete: "Er ist für mein Brautkleid. Der Mann, den ich heirate, ist blind. Wenn er schon das Kleid nicht sehen kann, soll er es hören und wissen, wann ich in seiner Nähe bin!"
Stark verkürzt nach Fritz von Woedtke

Weil da ein Mensch ist
Eine kleine Meldung in der Zeitung: Der holländische Frachter Toloa fand im Pazifischen Ozean ein kleines Schlauchboot, das steuerlos im Meer trieb. Darin lag bewußtlos ein achtzehnjähriger australischer Matrose. Der junge Mann hatte sich zunächst freiwillig zur Marine gemeldet, war aber von seinem Dienst auf dem Flugzeugträger Sidney bald enttäuscht und beschloß eines Tages zu desertieren. In einer Nacht ließ er ein kleines Schlauchboot auf See nieder und verließ heimlich den Flugzeugträger. Im Glauben, er befinde sich noch nahe an der Küste von Kalifornien, ruderte er los. Tatsächlich war das Schiff aber schon vierhundert Seemeilen von der Küste entfernt. So trieb der Junge neunzehn Tage im Meer. "Es war schrecklich", berichtete er nachher über seine fast dreiwöchige Odyssee im Pazifik. Er hatte weder Wasser noch Lebensmittel bei sich. "Das Schlimmste aber", sagte er, "war die Langeweile. Ich hatte ja nichts zu tun. Quälend langsam vergingen die Tage, die ich allein auf der See so dahintrieb. Am meisten dachte ich an meine Freundin und daran, daß ich sie unbedingt wiedersehen wollte." - Immer wieder sagte er das und zu allen Leuten, die ihn nachher im Krankenhaus besuchten: "Ich habe nur überlebt, weil ich an meine Freundin dachte!"
Lothar Zenetti

Arabische Liebesgeschichte
Ein junger Mann und ein Mädchen liefen auf zwei verschiedenen Land-wegen. In einem bestimmten Augenblick kamen die zwei Wege zusammen, und der Junge und das Mädchen liefen nun gemeinsam weiter.
Der Junge trug einen Kupferkessel auf seinem Rücken. In der einen Hand hatte er ein lebendes Huhn und einen Stock, während er an der anderen eine Ziege führte. Nach einer Weile kamen sie an eine Bergschlucht. Da blieb das Mädchen stehen und sagte: "Durch diese Schlucht gehe ich nicht mit dir."
"Warum nicht?" wollte der Junge wissen.
"Du könntest mich dort umarmen und küssen", antwortete sie.
"Wie soll ich dich denn umarmen und küssen? Ich habe einen Kupferkessel auf dem Rücken, an der einen Hand habe ich eine Ziege und in der anderen Hand ein lebendes Huhn und einen Stock."
Aber das Mädchen beharrte auf seiner Meinung: "Du könntest mich die Ziege halten lassen, danach den Stock in den Boden stecken, das Huhn auf den Boden setzen und den Kessel darüberstülpen, und dann könntest du mich umarmen und küssen."
Lange starrte der Junge das schöne, nette Mädchen an. Endlich sagte er: "Allah segne deine Weisheit."
Worauf sie gemeinsam durch die Schlucht gingen.
keine Quelle

Das Brot
Die Liebe zwischen einem Mann und seiner Frau ist längst an den toten Punkt gekommen. Seitdem er nichts mehr verdient und sie nichts mehr zu essen hat, ist das vollends der Fall. Leer und hungrig sind sie. Ewig hungrig sitzen sie sich, wenn er abends heimkommt, gegenüber. Und er sagt: "Gib Brot", sie.. "Gib Geld". Sie denkt, wenn er doch endlich ginge. Aber er geht nicht. Er geht auch an dem Abend nicht, als sie ihn anschreit, daß er nichts tauge. Er geht in die Küche und sie meint, er esse das letzte Stück Brot. Als sie in die Küche kommt und triumphierend "Hat es dir geschmeckt?" sagt, liegt das Brot noch da, ist in Streifen geschnitten und schön hergerichtet. Das ist für sie so gewaltsam und plötzlich, so wie ein Blitz einen Nachthimmel zerreißt oder wie die Sonne durch eine Finsternis plötzlich Licht sieht. "Komm, du mußt etwas essen", sagt er. "Ich habe keinen Hunger mehr, ich werde nie mehr Hunger haben", erwidert sie und schiebt ihm den Kanten hin.
Sie sehen sich an und stehen sich eine Weile regungslos gegenüber. Sie starren sich in die Gesichter, wie Schiffbrüchige nach ihrer Rettung die Sonne anstarren, die Erde und den fernen Himmel. Und sie beginnen sich zu verstehen. Sie sieht dann, wie er das Brot bricht. Sie sieht, wie er den halben Kanten in den Mund schiebt. Sie nimmt den anderen Kanten und ißt und lächelt wieder.
F. A. Kloth

Die Tochter des Schafhirten
"Jeder Mensch sollte ein ordentliches Handwerk lernen", sagte meine Großmutter und erzählte dazu ein Märchen aus Persien:
"Der Sohn eines Königs verliebte sich in die Tochter eines Schafhirten und sagte seinem Vater, er möchte sie zur Frau haben. Aber der König erwiderte: ,Du wirst nach mir König sein, was willst du da mit der Tochter eines Schafhirten?' ,Ich weiß', antwortete der Sohn, ,aber ich weiß auch, daß ich dieses Mädchen liebe!'
Als der König sah, wie tief die Liebe ging, schickte er einen Boten zu dem Mädchen und ließ ausrichten: ,Der Königssohn liebt dich und möchte dich zur Frau!' Das Mädchen überlegte und fragte: ,Welches Handwerk kann er?' Da lachte der Bote und sagte: ,Das braucht der Sohn eines Königs nicht.' Aber das Mädchen bestand darauf: ,Zuerst muß er ein Handwerk lernen!'
Der Königssohn war bereit: ,Ja, ich will lernen, Strohmatten zu flechten.' Und nach kurzer Zeit verstand er, wunderschöne Strohmatten zu fertigen in Mustern, bunten Farben und reichen Verzierungen. - Da heirateten sie.
Eines Tages, bei einer Rast in einem Gasthaus, fiel der Königssohn unter Diebe und Mörder. Er mußte mit dem Schlimmsten rechnen. So sagte er: ,Ich kann wertvolle Matten flechten, die euch viel Geld bringen!' Die Diebe und Mörder gingen darauf ein und brachten ihm Stroh. Nach drei Tagen hatte er drei herrliche Matten gefertigt und sagte: ,Bringt sie zum Palast des Königs. Er wird diese Kunst zu schätzen wissen und gibt euch für jede Matte hundert Goldstücke!'
Man brachte die Matten zum Palast. Der König erkannte die Arbeit seines Sohnes. Und die Tochter des Schafhirten entzifferte in den eingewebten Verzierungen eine Botschaft ihres Mannes in der Schriftsprache der Perser."
"Das Ende ist schnell erzählt", fuhr meine Großmutter fort. "Viele Soldaten umstellten das Gasthaus und der Königssohn kehrte glücklich zurück. Als er im Palast seine Frau wiedersah, kniete er sich dankbar vor ihr nieder und sagte: ,Nur durch dich bin ich noch am Leben!'"
Verkürzt nach William Saroyan

Wie ist es mit der Ehe?
Der Prophet sprach über die Ehe:
Vereint seid ihr geboren, und vereint sollt ihr bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint, wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Doch lasset Raum zwischen eurem Beieinander sein. Lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch.
Liebet einander; doch macht die Liebe nicht zur Fessel: Schaffet eher daraus ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen.
Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein.
Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Stehet beieinander; doch nicht zu nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels stehen einzeln. Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten.
Khalil Gibran

Aufeinander hören
Als ein Mann, dessen Ehe nicht gut ging, seinen Rat suchte, sagte der Meister: "Du mußt lernen, deiner Frau zuzuhören." Der Mann nahm sich diesen Rat zu Herzen und kam nach einem Monat zurück und sagte, er habe gelernt, auf jedes Wort, das seine Frau sprach, zu hören.
Sagte der Meister mit einem Lächeln: "Nun geh nach Hause und höre auf jedes Wort, das sie nicht sagt."
Anthony de Mello

Sie hat keine Familie
Die Familie war um den Eßtisch versammelt. Der älteste Sohn kündigte an, er werde das Mädchen von gegenüber heiraten.
"Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Pfennig hinterlassen", sagte der Vater mißbilligend.
"Und sie selbst hat nicht einen Pfennig gespart", ergänzte die Mutter. "Sie versteht nichts vom Fußball", sagte Junior.
"Ich habe noch nie ein Mädchen mit solch komischer Frisur gesehen", sagte die Schwester.
"Sie tut nichts als Romane lesen", sagte der Onkel.
"Und sie zieht sich geschmacklos an", sagte die Tante.
"Aber sie spart nicht an Puder und Schminke", sagte die Großmutter.
"Alles richtig", sagte der Sohn, "aber sie hat verglichen mit uns einen großen Vorteil." - "Und der wäre?" wollten alle wissen. "Sie hat keine Familie."
Anthony de Mello

Fünfzig Jahre Höflichkeit
Ein älteres Ehepaar feierte nach langen Ehejahren das Fest der Goldenen Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück dachte die Frau: "Seit fünfzig Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und ihm immer das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir endlich diese Delikatesse gönnen." Sie schmierte sich das Oberteil des Brötchens und gab das andere Teil ihrem Mann.
Entgegen ihrer Erwartung war dieser hocherfreut, küßte ihre Hand und sagte: "Mein Liebling, du bereitest mir die größte Freude des Tages. Über fünfzig Jahre habe ich das Brötchen-Unterteil nicht mehr gegessen, das ich vom Brötchen am allerliebsten mag. Ich dachte mir immer; du solltest es haben, weil es dir so gut schmeckt."
Nossrat Peseschkian

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
daß in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?“

Da antwortete er: „Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur
gesehen hast,
da habe ich dich getragen.“

Margaret Fishback Powers
Copyright © 1964 Margaret Fishback Powers
Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag Gießen.
www.brunnen-verlag.de

Die beiden Brüder
Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße, für jeden einen Stoß Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder, und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht." Er stand auf, nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.
In der gleichen Nacht nun, geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er mußte an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?" Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zum Stoß des Älteren.
Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und wie war jeder erstaunt, daß ihre Garbenstöße die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: "Heilig, heilig sei mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen."

Nur die Liebe zählt
Eine russische Legende erzählt: Ein reicher Mann dachte auch im Sterben nur an das, woran er sein Leben lang gedacht hatte: an sein Geld. Mit letzter Kraft löste er den Schlüssel vom Band, das er am Hals trug, winkte der Magd, deutete auf die Truhe neben seinem Lager und befahl, ihm den großen Beutel Geld in den Sarg zu legen.
Im Himmel sah er dann einen langen Tisch, auf dem die feinsten Speisen standen. "Sag, was kostet das Lachsbrot?" fragte er. "Eine Kopeke", wurde ihm geantwortet. "Und die Sardine?" "Gleich viel." - "Und diese Pastete?" "Alles eine Kopeke." Er schmunzelte. Billig, dachte er, herrlich billig! Und er wählte sich eine ganze Platte aus. Aber als er mit einem Goldstück bezahlen wollte, nahm der Verkäufer die Münze nicht. "Alter", sagte er und schüttelte bedauernd den Kopf, "du hast wenig im Leben gelernt!" "Was soll das?" murrte der Alte. "Ist mein Geld nicht gut genug?" Da hörte er die Antwort: "Wir nehmen hier nur das Geld, das einer verschenkt hat."

Wie ist es mit der Ehe?
Der Prophet sprach über die Ehe: Vereint seid ihr geboren, und vereint sollt ihr bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint, wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Doch lasset Raum zwischen eurem Beieinander sein. Lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch.
Liebet einander; doch macht die Liebe nicht zur Fessel: Schaffet eher daraus ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen.
Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein.
Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Stehet beieinander; doch nicht zu nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels stehen einzeln. Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten.
Khalil Gibran

Sich verwandeln lassen
Ein Fluss wollte durch die Wüste zum Meer. Doch als er den unermesslichen Sand sah, wurde ihm Angst, und er klagte: „Die Wüste wird mich austrocknen, und der heiße Atem der Sonne wird mich vernichten oder ich werde zum stin­kenden Sumpf." Da hörte er eine Stimme, die sagte: „Vertraue dich der Wüste an."
Der Fluss entgegnete: „Bin ich dann noch ich selber? Verliere ich nicht meine Identität?" Die Stimme aber antwortete: „Auf keinen Fall kannst du bleiben, was du bist." So vertraute sich der Fluss der Wüste an. Wolken sogen ihn auf und trugen ihn über die heißen Sandflächen. Als Regen wurde er am anderen Ende der Wüste wieder abgesetzt. Und aus den Wolken floss ein Fluss, schöner und fri­scher als zuvor. Und der Fluss freute sich und sagte: „Jetzt bin ich wirklich ich."

Lieben - wie du bist
Meine Freunde sagten seit Jahren zu mir, ich solle mich ändern. Meine Frau nickte dazu. Jeder sagte mir immer wieder, ich solle mich ändern. Ich pflichtete ihnen bei und ich wollte mich ändern, aber ich brachte es nicht fertig, so sehr ich mich auch bemühte. Dann sagte eines Tages meine Frau zu mir: „Ändere dich nicht! Bleib, wie du bist. Es ist wirklich nicht wichtig, ob du dich änderst oder nicht. Ich liebe dich so, wie du bist. So ist es nun einmal." Diese Worte klangen wie Musik in meinen Ohren: „Ändere dich nicht, ändere dich nicht ... ich liebe dich." Und ich entspannte mich und ich wurde lebendig und Wunder über Wunder, ich änderte mich! - Jetzt weiß ich, dass ich mich nicht wirklich ändern konnte, bis ich jemanden fand, der mich liebte, ob ich mich nun änderte oder nicht. Ich danke dir, dass du es mit mir wagst.
nach Anthony de Mello

Philemon und Baucis
Es lebte einmal ein armes, altes Ehepaar, die hießen Philemon und Baucis.
Eines Tages kam der Göttervater Zeus in Menschengestalt zu ihnen und bat um Unterkunft, da niemand sonst ihn aufgenommen hatte. Die beiden alten Leute nahmen ihn in ihrer Hütte auf, gaben ihm zu essen und teilten alles mit ihm, was sie hatten. Am nächsten Morgen fragte Zeus, ob sie einen Wunsch hätten. „Wir wünschen uns, dass nicht der eine vor dem anderen stirbt", sagte Philemon. Und Baucis fügte hinzu: „Wir lieben uns so sehr, dass es keiner von uns ertragen könnte, am Grab des anderen zu stehen. Unser größter Wunsch ist es, gemeinsam zu sterben." Zeus versprach es und ließ sie, als ihre Zeit ge­kommen war, beide gleichzeitig sterben. Nach ihrem Tod verwandelte er sie in zwei ewige Bäume: Philemon in eine Eiche und Baucis in eine Linde.
Noch heute stehen irgendwo Philemon und seine Frau Baucis als Bäume Sei­te an Seite und ihre Äste verschlingen sich ineinander.
nach Metamorphosen von Ovid

Der glanzlose Stein
In einem Juwelierladen konnte ein Brautpaar sich nicht satt genug an den Edelsteinen sehen. Sie staunten über die Vielfalt der Steine, über ihr Leuchten und Glitzern. Plötzlich stutzten sie. Vor ihnen lag ein gewöhnlicher Stein, matt und ohne Glanz. Wie kommt denn der hierher?
Diese Frage hörte der Juwelier und musste lächeln. „Nehmen Sie diesen Stein ein paar Augenblicke in Ihre Hand!"
Als die Braut später die Handfläche öffnete, strahlte der vorher glanzlose Stein in herrlichen Farben. „Wie ist das möglich?"
Der Fachmann wusste die Antwort: „Das ist ein Opal, ein sogenannter sympa­thetischer Stein. Er braucht nur die Berührung mit einer warmen Hand und schon zeigt er seine Farben und seinen Glanz. In der Wärme entzündet sich leise und lautlos sein Licht." -
Dieser Stein ist ein tiefes Symbol für alles Gutsein und alles Zarte in unserem Leben. Es gibt so viele Menschen auf der Erde, arm und reich, klein und groß, gebildet und einfach, die alle nur der Berührung einer warmen Hand, eines lie­ben Wortes, einer kleinen Zärtlichkeit, einer wohlwollenden Geste, eines teilnehmenden Blickes, einer helfenden Tat bedürfen, um aufzustrahlen im Licht der Freundlichkeit, um das Wunder der Zuneigung zu erfahren, um hell zu werden im Glanz einer leisen Begegnung.

Kaulquappe und Weißfisch
Eine Kaulquappe hatte einen Weißfisch geehelicht. Als ihr Beine wuchsen und sie ein Frosch zu werden begann, sagte sie eines Morgens zu ihm: „Mein Liebster, ich werde jetzt bald einer Berufung aufs Festland nachkommen müssen; es wird angebracht sein, daß Du Dich beizeiten daran gewöhnst, auf dem Land zu leben.." - „Aber um Himmels willen!" rief der Weißfisch verstört, „bedenke doch, meine Liebste, ich gehöre ins Wasser! Denk an meine Kiemen, an die Flossen!" Die Kaulquappe sah seufzend zur Decke empor. „Liebst du mich, oder liebst du mich nicht?" „Aber ja, natürlich liebe ich dich, ja!" hauchte der Weißfisch ergeben. „Na also!", sagte die Kaulquappe.
Wolfdietrich Schnurre

Zwei Kugelhälften
Als das Leben am Anfang stand, fielen unzählige Kugeln auf die Erde. Bei ihrem Aufprall zersprangen sie in zwei Hälften. Uneben und frei auseinander geteilt symbolisieren sie die unterschiedlichen Charaktere zweier Menschen. Doch jede dieser auch noch so verschiedenen Halbkugeln ist für ein Gegenstück bestimmt, so wie auch zwei Menschen füreinander bestimmt sind.
Wir alle sind auf der Suche nach unserer anderen Hälfte, eben nach der anderen halben Kugel. Wenn ihr glaubt, ihr habt Eure andere Hälfte gefunden, dann werdet ihr feststellen, dass die beiden halben Kugeln oft nur an einer einzigen kleinen Stelle passen, was Ihr durch sorgfältiges Drehen und Probieren herausfinden könnt. Es ist ganz natürlich, dass es am Anfang hakt und hängen bleibt. Aber genau das macht Sinn - denn: nicht alles kann von vornherein passen und übereinstimmen.
Nun müssen beide an ihrer halben Kugel arbeiten, schleifen und feilen. Nur langsam und in kleinen Schritten ebnet sich dieser kantige Bruch durch das Geben und Nehmen in der Liebe. Nach einiger Zeit, wenn sich beide Hälften abgeschliffen haben, lassen sie sich fast reibungslos zu einer Kugel formen. Aber eben nur fast, genau passen - wie am Anfang unserer Zeit - darf es nie, sonst verliert man seine Persönlichkeit und das was den Menschen an Eurer Seite ausmacht. Jedoch eines vergesst nie: Ihr sollt nicht an der anderen, sondern stets an der eigenen Hälfte feilen."

Die Insel der Gefühle
Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf der alle Gefühle der Menschen lebten: die gute Laune, die Traurigkeit, das Wissen und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe. 
Eines Tages wurde den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten Augenblick warten. 
Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe. Der Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei. Sie fragte: "Reichtum, kannst du mich mitnehmen?" "Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich." 
Also fragte die Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam: " Stolz, ich bitte dich, kannst du mich mitnehmen ?". "Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen...", antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff beschädigen".
Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr vorbeiging: "Traurigkeit, bitte, nimm mich mit", "Oh Liebe" sagte die Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss." 
Auch die Gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie rief.
Plötzlich sagte eine Stimme: "Komm Liebe, ich nehme dich mit".
Es war ein Alter, der sprach. Die Liebe war so dankbar und so glücklich, dass sie vergass den Alten nach seinem Namen zu fragen. 
Als sie an Land kamen, ging der Alte fort. Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel schuldete und fragte das Wissen: "Wissen, kannst Du mir sagen, wer mir geholfen hat?"
"Es war die Zeit" antwortete das Wissen. "Die Zeit ?", fragte die Liebe, "Warum hat die Zeit mir geholfen ?"
Und das Wissen antwortete: "Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben ist."

Muscheln in meiner Hand
Wenn man jemanden liebt, so liebt man ihn nicht die ganze Zeit, nicht Stunde um Stunde auf die ganz gleiche Weise. Das ist unmöglich. Es wäre sogar eine Lüge, wollte man diesen Eindruck erwecken. Und doch ist es genau das, was die meisten fordern. Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurückkehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab - in der Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind.
Anne Morrow Lindbergh

Das Brot
Die Liebe zwischen einem Mann und seiner Frau ist längst an den toten Punkt gekommen. Seitdem er nichts mehr verdient und sie nichts mehr zu essen hat, ist das vollends der Fall. Leer und hungrig sind sie. Ewig hungrig sitzen sie sich, wenn er abends heimkommt, gegenüber. Und er sagt: "Gib Brot", sie.. "Gib Geld". Sie denkt, wenn er doch endlich ginge. Aber er geht nicht. Er geht auch an dem Abend nicht, als sie ihn anschreit, daß er nichts tauge. Er geht in die Küche und sie meint, er esse das letzte Stück Brot. Als sie in die Küche kommt und triumphierend "Hat es dir geschmeckt?" sagt, liegt das Brot noch da, ist in Streifen geschnitten und schön hergerichtet. Das ist für sie so gewaltsam und plötzlich, so wie ein Blitz einen Nachthimmel zerreißt oder wie die Sonne durch eine Finsternis plötzlich Licht sieht. "Komm, du mußt etwas essen", sagt er. "Ich habe keinen Hunger mehr, ich werde nie mehr Hunger haben", erwidert sie und schiebt ihm den Kanten hin.
Sie sehen sich an und stehen sich eine Weile regungslos gegenüber. Sie starren sich in die Gesichter, wie Schiffbrüchige nach ihrer Rettung die Sonne anstarren, die Erde und den fernen Himmel. Und sie beginnen sich zu verstehen. Sie sieht dann, wie er das Brot bricht. Sie sieht, wie er den halben Kanten in den Mund schiebt. Sie nimmt den anderen Kanten und ißt und lächelt wieder.
F. A. Kloth

 Wie ist es mit der Ehe?
Der Prophet sprach über die Ehe:
Vereint seid ihr geboren, und vereint sollt ihr bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint, wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Doch lasset Raum zwischen eurem Beieinander sein. Lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch.
Liebet einander; doch macht die Liebe nicht zur Fessel: Schaffet eher daraus ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen.
Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein.
Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Stehet beieinander; doch nicht zu nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels stehen einzeln. Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten.
Khalil Gibran 

Wer liebt, dem wachsen Flügel
In jener Nacht versprachen wir einander das einzige, was Sinn hat, einander zu versprechen.
Wir versprachen einander, den anderen sein zu lassen, wie er ist.Wir versprachen, einander in Heiterkeit und Neugier zu begleiten.Wir versprachen, einander allein gehen zu lassen, wenn der andere das brauchen sollte.
Und wir versprachen einander der Gemeinsamkeit die Dankbarkeit entgegenzubringen, die sie verdient. Wir versprachen einander, uns zu helfen, alle Steine aus dem Weg zu räumen, die den Fluß unserer Herzen behinderten.Wir versprachen einander, uns in dem Raum zu treffen, in dem unsere Herzen - und nur unsere Herzen - zusammenfinden wollen.Als all das so zum ersten Mal gesagt und gefühlt war, lachte der Weltgeist voller Heiterkeit auf, und dann breiteten wir unsere Flügel aus und schwebten hoch und flogen weit, weit hinaus in die unendlichen Räume des Weltenraumes, den man die Seele nennt.
WER LIEBT, DEM WACHSEN FLÜGEL.
Autor: G. Barylli

Weil da ein Mensch ist

Eine kleine Meldung in der Zeitung: Der holländische Frachter Toloa fand im Pazifischen Ozean ein kleines Schlauchboot, das steuerlos im Meer trieb. Darin lag bewußtlos ein achtzehnjähriger australischer Matrose. Der junge Mann hatte sich zunächst freiwillig zur Marine gemeldet, war aber von seinem Dienst auf dem Flugzeugträger Sidney bald enttäuscht und beschloß eines Tages zu desertieren. In einer Nacht ließ er ein kleines Schlauchboot auf See nieder und verließ heimlich den Flugzeugträger. Im Glauben, er befinde sich noch nahe an der Küste von Kalifornien, ruderte er los. Tatsächlich war das Schiff aber schon vierhundert Seemeilen von der Küste entfernt. So trieb der Junge neunzehn Tage im Meer. "Es war schrecklich", berichtete er nachher über seine fast dreiwöchige Odyssee im Pazifik. Er hatte weder Wasser noch Lebensmittel bei sich. "Das Schlimmste aber", sagte er, "war die Langeweile. Ich hatte ja nichts zu tun. Quälend langsam vergingen die Tage, die ich allein auf der See so dahintrieb. Am meisten dachte ich an meine Freundin und daran, daß ich sie unbedingt wiedersehen wollte." - Immer wieder sagte er das und zu allen Leuten, die ihn nachher im Krankenhaus besuchten: "Ich habe nur überlebt, weil ich an meine Freundin dachte!"
Lothar Zenetti

Der Ameisenmann

Eines Abends, als die Sonne gerade vor einem Ameisenmann und seiner Liebsten unterging, wandte sie sich zu ihm und fragte:  "Hast du mich lieb?" "Sicher", antwortete er.
"Aber ich liebe dich so, wie die Flüsse den Regen lieben, wie die Blumen die Sonne und wie die Küsten das Meer", sagte sie und wartete auf seine Antwort. Der Ameisenmann schwieg. Er wusste nicht, wie die Flüsse den Regen lieben, die Blumen die Sonne oder die Küsten das Meer.
Lange nachdem seine Liebste nach Hause gegangen war, hallten ihre Worte noch nach in seinen Gedanken, immer wieder und wieder, bis die Sonne aufging. Schließlich sagte er zu sich: Ich muss es herausfinden.
So stand er auf und ging hinüber zum Fluss. Er kletterte über das steinige Ufer des Flusses und schob sich ganz nah an das Wasser heran. "Entschuldigung", sagte der Ameisenmann über das Gluckern hinweg, "kannst du mir sagen, warum du den Regen lieb hast?" "Ohne den Regen", sang der Fluss, "würden meine Ufer austrocknen, und ich würde alt werden. Jedes Mal, wenn es regnet, erneuere ich mich und werde kräftiger. Nur durch den Regen kann ich wirklich sein."
Wie kann meine Liebste jung bleiben, wenn sie und ich jedes Jahr älter werden? fragte der Ameisenmann. Das verstehe ich nicht. Und er wusste, dass er mit den Blumen sprechen musste.
Er spazierte hinüber zu einem Feld voller Wildblumen. "Entschuldigung", sagte er zu den Blumen, "könntet ihr mir sagen, warum ihr die Sonne so lieb habt?" Eine riesige Blume beugte sich zu dem Ameisenmann herab und sagte: "Wir lieben die Sonne, weil wir ohne sie nicht erblühen können. Unsere Blütenblätter öffnen sich nur, wenn sie von ihren warmen Strahlen berührt werden. Für dieses Glück folgen wir der Sonne, wohin sie auch geht."
Das verwirrte den Ameisenmann. Wie konnte er seinen Schatz ohne Blütenblätter erblühen lassen? Ich muss noch weitere Fragen stellen, dachte der Ameisenmann. Und er machte sich auf den Weg zum Meer. Der Ameisenmann wanderte die ganze Nacht hindurch, bis er das Meer erreichte.
Am Morgen endlich konnte er die sandige Küste fragen: "Bitte, erzählst du mir, warum du das Meer lieb hast?"
"Alles, was ich dazu sagen kann", antwortete die sandige Küste, "ist, dass ich mich unter seinen Wellen sicher und geborgen fühle. Ich liebe es, wenn das Meer mich mit sich reißt. Und wenn es fortgeht, bin ich traurig. Solange, bis es zurückkehrt."
Und plötzlich vermisste der Ameisenmann seine Liebste sehr.
Als er sich auf den Weg nach Hause machte, verstand er, wie die sandige Küste sich fühlte. Er sehnte sich danach, die Hand seiner Liebsten in der seinen zu spüren. Die Sonne ging gerade unter, als er sich seinem Zuhause näherte, und er suchte nach seinem Schatz an ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz. Als er sie so alleine dasitzen sah, begann sein Herz zu rasen. An ihrer Seite nahm er ihre Hand und fragte: "Weißt du, dass ich dich lieb habe?" "Sicher", antwortete sie.
"Aber", sagte der Ameisenmann, "so wie das Meer den Sand der Küste mit sich nimmt, möchte ich, dass du immer bei mir bist. So wie die Sonne die Blumen zum Strahlen bringt, macht es mich glücklich, dass ich dich zum Lächeln bringen kann, wenn du mich siehst. So wie der Regen den Fluss begehrt, sehnt sich mein Herz nach dir. Ohne dich kann ich nicht der sein, der ich bin."
Der Ameisenmann wurde still, und seine Liebste sagte nichts. Sie drückte seine Hand, und beide lächelten sich an und wandten sich wieder dem Sonnenuntergang zu.
(Felicia Rose Querido)

 

 

 


Ehe- und Familienreferat
Diözese Bozen-Brixen
Domplatz 2
I - 39100 BOZEN
Tel.: 0471 306272
ehe.familienreferat@bz-bx.net