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Eine junge Frau
Es gab einmal eine junge Frau. Am Vorabend Ihrer Hochzeit stand sie neben
ihrer Mutter am Strand und beobachtete die Sonne, die am Horizont versank. Da
fragte sie ihre Mutter: " Mutter, mein Vater liebt dich und ist dir immer treu
gewesen. Was soll ich tun, damit mein Mann mich stets lieben wird? Die Mutter
schwieg und dachte nach. Dann bückte sie sich, ergriff eine Hand voll Sand und
kam zu ihrer Tochter. Ohne etwas zu sagen drückte sie die Finger der einen Hand
immer fester um den Sand - und je fester sie zudrückte, desto schneller rann er
durch ihre Finger. Als sie die Hand öffnete klebten nur noch einige wenige
Sandkörner daran. Aber die andere Hand hatte die Mutter wie eine kleine Schale
aufgehalten. Dort häuften sich die Körner und schimmerten herrlich im Licht der
Sonne. "Das ist meine Antwort" sagte die Mutter.
Nur der Same Ein junges Brautpaar hatte einen Traum:Sie betraten
einen Laden. Hinter der Ladentheke sahen sie einen Engel. Hastig fragten sie
ihn: "Was verkaufen Sie, mein Herr?"Der Engel gab ihnen freundlich zur Antwort:
"Alles, was Sie wollen!" Da sagte das Brautpaar wie aus der Pistole geschossen:
"Dann hätten wir gerne: Glück und Harmonie für unsere Ehe! Gesundheit und ein
gutes Auskommen!Einen festen Glauben an Gott, den Ersten in unserem Bunde! Die
feste Bereitschaft, immer miteinander zu reden und zu verzeihen! Genügend Zeit
und Nerven, um unseren Kindern gerecht zu werden, wenn wir sie geschenkt
bekommen!"-- Die Braut gab dem Bräutigam einen Rippenstoß ... "Ach ja, das Ende
der Kriege in der Welt und in den Häusern! Die Beseitigung der Elendsviertel,
nah und fern! Ausbildungsplätze für Jugendliche und, und ..." Da fiel ihm der
Engel ins Wort und sagte: "Entschuldigen Sie, liebes Brautpaar, Sie haben mich
falsch verstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte, wir verkaufen nur den
Samen!"
Ich bin für meine Rose verantwortlich Und der kleine Prinz kam zum
Fuchs zurück. "Adieu", sagte er ... "Adieu", sagte der Fuchs. "Hier ist mein
Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das
Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." "Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar", wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. "Die Zeit,
die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig." "Die
Zeit, die ich für meine Rose verloren habe ...", sagte der kleine Prinz, um es
sich zu merken. "Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen", sagte der
Fuchs. "Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das
verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose
verantwortlich ..." "Ich bin für meine Rose verantwortlich ...", wiederholte
der kleine Prinz, um es sich zu merken. Antoine de Saint-Exupéry
Die langen Löffel Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und
die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia
als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen
Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum
saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute
sahen blaß mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele
ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund
bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren fragte der
Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die
Hölle. Darauf führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah
wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen.
Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut
genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten
nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich
gegenseitig zu essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.
Die Rose Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der
Zeit seines ersten pariser Aufenthaltes. Gemeinsam mit einer jungen Französin
kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die
um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes
Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken,
saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin
gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem
Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zu Antwort: "Wir müßten ihrem
Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Wenige Tage später brachte Rilke eine eben
aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der
Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin
blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der
Hand des fremden Mannes, küßte sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche
lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebet-telt hatte,
blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer
wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe. Nach acht Tagen saß plötzlich die
Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals,
wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber
wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?" fragte die
Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose . . ." Josef Bill
Nichts gefällt mir besser als du! Es geschah einmal, daß eine junge
Frau in Sidon mit ihrem Mann zehn Jahre lang lebte, ohne daß sie ihm ein Kind
gebar. Dem Gesetz in diesen Angelegenheiten folgend, gingen sie zu Rabbi Simeon
bar Jochai, um sich scheiden zu lassen. Der Rabbi sprach zu ihnen: "Bei eurem
Leben! So wie ihr, als ihr euch trauen ließet, bei einem festlichen Gelage
zusammen kamt, so solltet ihr euch auch jetzt nicht ohne ein festliches Gelage
trennen. " Sie folgten dem Rat des Rabbi und bereiteten ein großes Fest, bei
dem die Frau ihrem Mann mehr als gewöhnlich zu trinken gab. Als er sich nun sehr
wohl fühlte, sagte er zu seiner Frau: "Töchterlein, du kannst dir aus meinem
Hause das mit-nehmen, was dir am besten gefällt; und dann kehre zurück in das
Haus deines Vaters." Was tat sie? Als er eingeschlafen war, befahl sie ihren
Knechten und Mägden, ihn und das Bett, auf dem er schlief, in das Haus ihres
Vaters zu bringen. Um Mitternacht wachte der Mann auf. Als der Weinrausch ihn
verlassen hatte, sah sich der Mann verwundert um und sprach: "Töchterlein, wo
bin ich denn eigentlich? "Du bist", antwortete sie, "im Hause meines
Vaters." "Was habe ich denn mit dem Hause deines Vaters zu tun?" Sie
antwortete: "Erinnerst du dich nicht daran, daß du mir gestern abend gesagt
hast, daß ich das, was mir am besten gefällt, mitnehmen kann, wenn ich zu meinem
Vater zurückkehre? Nichts gefällt mir besser in der ganzen Welt als du!" Da
gingen sie wieder zusammen zu Rabbi Simeon bar Jochai. Er betete für sie; und
die Frau wurde schwanger. Nach Schir Haschirim Rabbah
Der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren Es war einmal ein
Ehepaar, das lebte glücklich irgendwo. Die beiden liebten sich, teilten Freude
und Leid, Arbeit und Freizeit, Alltag und Sonntag miteinander. Über Jahre lebte
das Ehepaar in diesem Glück, bis eines Tages. . . Eines Tages las das Ehepaar
miteinander in einem alten Buch. Es las, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an
dem der Himmel und die Erde sich berührten. Dort gäbe es das große Glück, dort
sei der Himmel. Das Ehepaar beschloß, diesen Ort zu suchen. Es wollte nicht
umkehren, bevor es den Himmel gefunden hätte. Das Ehepaar durchwanderte nun die
Welt. Es erduldete alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt
mit sich bringt. Sie hatten gelesen, an dem gesuchten Ort sei eine Tür, man
brauche nur anzuklopfen, hineinzugehen und schon befinde man sich beim großen
Glück. Endlich fand das Ehepaar, was es suchte. Die beiden klopften an die Tür,
bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Und als sie eintraten,
blieben sie sofort erstaunt stehen. - Sie standen in ihrer eigenen Wohnung. Die
Wohnung war so, wie sie sie verlassen hatten. Nein, nicht ganz! Da gab es eine
neue Tür, die nach draußen führte und jetzt offen stand. Da begriffen sie:
Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem das Glück zu finden ist,
dieser Ort bef1ndet sich auf dieser Erde. Er befindet sich direkt in unserer
Umgebung. Wir brauchen nur die Tür zu öffnen. Wir brauchen nur am Leben anderer
teilnehmen, andere an unserem Leben teilnehmen lassen. nach einer Legende
Die chinesische Hochzeit Die Brautleute hatten nicht viel Geld,
aber dennoch waren sie der Meinung, daß viele Menschen mitfeiern sollten.
Geteilte Freude ist doppelte Freude, dachten sie. Es sollte ein großes Fest
werden, beschlossen sie, mit vielen Gästen. Denn warum sollte unsere Freude
nicht ansteckend sein? - fragten sie sich. Es herrscht unter den Menschen
ohnehin mehr Leid als Freude. Also baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche
Wein mitzubringen. Am Eingang würde ein großes Faß stehen, in das sie ihren Wein
gießen könnten; und so sollte jeder die Gabe des anderen trinken und jeder mit
jedem froh und ausgelassen sein. Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die
Kellner zu dem großen Faß und schöpften daraus. Doch wie groß war das
Erschrecken aller, als sie merkten, daß es Wasser war. Versteinert saßen oder
standen sie da, als ihnen allen bewußt wurde, daß eben jeder gedacht hatte: Die
eine Flasche Wasser, die ich hineingieße, wird niemand merken oder
schmecken. Nun aber wußten sie, daß jeder so gedacht hatte. Jede von ihnen
hatte gedacht: Heute will ich mal auf Kosten anderer feiern. Unruhe,
Unsicherheit und Scham erfaßte alle, nicht nur, weil es lediglich Wasser zu
trinken gab. Und als um Mitternacht das Flötenspiel verstummte, gingen alle
schweigend nach Hause, und jeder wußte: Das Fest hatte nicht
stattgefunden. Chinesische Parabel
Weißer Taft Eine junge, hübsche Dame betrat das Geschäft. Eine
erfahrene Verkäuferin bot sich sofort an: "Sie wünschen, bitte?" "Ich suche
Stoff für ein Seidenkleid, das bei jedem Schritt rauscht!" "Da nehmen Sie am
besten Taft. Wir haben ihn in sehr schönen leuchtenden Farben." "Die Farbe
spielt keine Rolle. Es kommt nur darauf an, dass das Kleid zu hören ist!" Zwei
junge Lehrlinge im Hintergrund stießen einander an. Der eine flüsterte: "Sie
sollte sich noch ein paar Glöckchen annähen lassen. Das klingelt so
hübsch." "Hier haben wir apartes Lila", war die Verkäuferin wieder zu hören,
"und weiß ist natürlich immer schön." Die junge Dame entschied sich für weiß.
Sie ließ den Stoff durch die Finger gleiten. "Hört man es?" fragte sie wieder.
"Ja", versicherte die Verkäuferin, "man hört es ganz deutlich!" Sie kaufte
sieben Meter, bezahlte und verließ das Geschäft. "Laufen Sie der Dame nach",
sagte die Verkäuferin zu dem einen Lehrling, "sie hat ihre Handschuhe
liegengelassen." An der nächsten Kreuzung erreichte er die Dame. "Bitte, Ihre
Handschuhe!" "Das ist lieb von Ihnen." "Verzeihen Sie bitte meine Frage:
Warum kam es Ihnen eben beim Kauf so darauf an, daß der Stoff unbedingt
rauscht?" Sie antwortete: "Er ist für mein Brautkleid. Der Mann, den ich
heirate, ist blind. Wenn er schon das Kleid nicht sehen kann, soll er es hören
und wissen, wann ich in seiner Nähe bin!" Stark verkürzt nach Fritz von
Woedtke
Weil da ein Mensch ist Eine kleine Meldung in der Zeitung: Der
holländische Frachter Toloa fand im Pazifischen Ozean ein kleines Schlauchboot,
das steuerlos im Meer trieb. Darin lag bewußtlos ein achtzehnjähriger
australischer Matrose. Der junge Mann hatte sich zunächst freiwillig zur Marine
gemeldet, war aber von seinem Dienst auf dem Flugzeugträger Sidney bald
enttäuscht und beschloß eines Tages zu desertieren. In einer Nacht ließ er ein
kleines Schlauchboot auf See nieder und verließ heimlich den Flugzeugträger. Im
Glauben, er befinde sich noch nahe an der Küste von Kalifornien, ruderte er los.
Tatsächlich war das Schiff aber schon vierhundert Seemeilen von der Küste
entfernt. So trieb der Junge neunzehn Tage im Meer. "Es war schrecklich",
berichtete er nachher über seine fast dreiwöchige Odyssee im Pazifik. Er hatte
weder Wasser noch Lebensmittel bei sich. "Das Schlimmste aber", sagte er, "war
die Langeweile. Ich hatte ja nichts zu tun. Quälend langsam vergingen die Tage,
die ich allein auf der See so dahintrieb. Am meisten dachte ich an meine
Freundin und daran, daß ich sie unbedingt wiedersehen wollte." - Immer wieder
sagte er das und zu allen Leuten, die ihn nachher im Krankenhaus besuchten: "Ich
habe nur überlebt, weil ich an meine Freundin dachte!" Lothar Zenetti
Arabische Liebesgeschichte Ein junger Mann und ein Mädchen liefen
auf zwei verschiedenen Land-wegen. In einem bestimmten Augenblick kamen die zwei
Wege zusammen, und der Junge und das Mädchen liefen nun gemeinsam weiter. Der
Junge trug einen Kupferkessel auf seinem Rücken. In der einen Hand hatte er ein
lebendes Huhn und einen Stock, während er an der anderen eine Ziege führte. Nach
einer Weile kamen sie an eine Bergschlucht. Da blieb das Mädchen stehen und
sagte: "Durch diese Schlucht gehe ich nicht mit dir." "Warum nicht?" wollte
der Junge wissen. "Du könntest mich dort umarmen und küssen", antwortete
sie. "Wie soll ich dich denn umarmen und küssen? Ich habe einen Kupferkessel
auf dem Rücken, an der einen Hand habe ich eine Ziege und in der anderen Hand
ein lebendes Huhn und einen Stock." Aber das Mädchen beharrte auf seiner
Meinung: "Du könntest mich die Ziege halten lassen, danach den Stock in den
Boden stecken, das Huhn auf den Boden setzen und den Kessel darüberstülpen, und
dann könntest du mich umarmen und küssen." Lange starrte der Junge das
schöne, nette Mädchen an. Endlich sagte er: "Allah segne deine
Weisheit." Worauf sie gemeinsam durch die Schlucht gingen. keine Quelle
Das Brot Die Liebe zwischen einem Mann und seiner Frau ist längst
an den toten Punkt gekommen. Seitdem er nichts mehr verdient und sie nichts mehr
zu essen hat, ist das vollends der Fall. Leer und hungrig sind sie. Ewig hungrig
sitzen sie sich, wenn er abends heimkommt, gegenüber. Und er sagt: "Gib Brot",
sie.. "Gib Geld". Sie denkt, wenn er doch endlich ginge. Aber er geht nicht. Er
geht auch an dem Abend nicht, als sie ihn anschreit, daß er nichts tauge. Er
geht in die Küche und sie meint, er esse das letzte Stück Brot. Als sie in die
Küche kommt und triumphierend "Hat es dir geschmeckt?" sagt, liegt das Brot noch
da, ist in Streifen geschnitten und schön hergerichtet. Das ist für sie so
gewaltsam und plötzlich, so wie ein Blitz einen Nachthimmel zerreißt oder wie
die Sonne durch eine Finsternis plötzlich Licht sieht. "Komm, du mußt etwas
essen", sagt er. "Ich habe keinen Hunger mehr, ich werde nie mehr Hunger haben",
erwidert sie und schiebt ihm den Kanten hin. Sie sehen sich an und stehen
sich eine Weile regungslos gegenüber. Sie starren sich in die Gesichter, wie
Schiffbrüchige nach ihrer Rettung die Sonne anstarren, die Erde und den fernen
Himmel. Und sie beginnen sich zu verstehen. Sie sieht dann, wie er das Brot
bricht. Sie sieht, wie er den halben Kanten in den Mund schiebt. Sie nimmt den
anderen Kanten und ißt und lächelt wieder. F. A. Kloth
Die Tochter des Schafhirten "Jeder Mensch sollte ein ordentliches
Handwerk lernen", sagte meine Großmutter und erzählte dazu ein Märchen aus
Persien: "Der Sohn eines Königs verliebte sich in die Tochter eines
Schafhirten und sagte seinem Vater, er möchte sie zur Frau haben. Aber der König
erwiderte: ,Du wirst nach mir König sein, was willst du da mit der Tochter eines
Schafhirten?' ,Ich weiß', antwortete der Sohn, ,aber ich weiß auch, daß ich
dieses Mädchen liebe!' Als der König sah, wie tief die Liebe ging, schickte
er einen Boten zu dem Mädchen und ließ ausrichten: ,Der Königssohn liebt dich
und möchte dich zur Frau!' Das Mädchen überlegte und fragte: ,Welches Handwerk
kann er?' Da lachte der Bote und sagte: ,Das braucht der Sohn eines Königs
nicht.' Aber das Mädchen bestand darauf: ,Zuerst muß er ein Handwerk
lernen!' Der Königssohn war bereit: ,Ja, ich will lernen, Strohmatten zu
flechten.' Und nach kurzer Zeit verstand er, wunderschöne Strohmatten zu
fertigen in Mustern, bunten Farben und reichen Verzierungen. - Da heirateten
sie. Eines Tages, bei einer Rast in einem Gasthaus, fiel der Königssohn unter
Diebe und Mörder. Er mußte mit dem Schlimmsten rechnen. So sagte er: ,Ich kann
wertvolle Matten flechten, die euch viel Geld bringen!' Die Diebe und Mörder
gingen darauf ein und brachten ihm Stroh. Nach drei Tagen hatte er drei
herrliche Matten gefertigt und sagte: ,Bringt sie zum Palast des Königs. Er wird
diese Kunst zu schätzen wissen und gibt euch für jede Matte hundert
Goldstücke!' Man brachte die Matten zum Palast. Der König erkannte die Arbeit
seines Sohnes. Und die Tochter des Schafhirten entzifferte in den eingewebten
Verzierungen eine Botschaft ihres Mannes in der Schriftsprache der
Perser." "Das Ende ist schnell erzählt", fuhr meine Großmutter fort. "Viele
Soldaten umstellten das Gasthaus und der Königssohn kehrte glücklich zurück. Als
er im Palast seine Frau wiedersah, kniete er sich dankbar vor ihr nieder und
sagte: ,Nur durch dich bin ich noch am Leben!'" Verkürzt nach William Saroyan
Wie ist es mit der Ehe? Der Prophet sprach über die Ehe: Vereint
seid ihr geboren, und vereint sollt ihr bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint,
wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Doch lasset Raum zwischen
eurem Beieinander sein. Lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch. Liebet
einander; doch macht die Liebe nicht zur Fessel: Schaffet eher daraus ein
wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen. Singet und tanzet zusammen und
seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein. Gebet einander eure
Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Stehet beieinander; doch nicht zu
nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels stehen einzeln. Eichbaum und
Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten. Khalil Gibran
Aufeinander hören Als ein Mann, dessen Ehe nicht gut ging, seinen
Rat suchte, sagte der Meister: "Du mußt lernen, deiner Frau zuzuhören." Der Mann
nahm sich diesen Rat zu Herzen und kam nach einem Monat zurück und sagte, er
habe gelernt, auf jedes Wort, das seine Frau sprach, zu hören. Sagte der
Meister mit einem Lächeln: "Nun geh nach Hause und höre auf jedes Wort, das sie
nicht sagt." Anthony de Mello
Sie hat keine Familie Die Familie war um den Eßtisch versammelt.
Der älteste Sohn kündigte an, er werde das Mädchen von gegenüber
heiraten. "Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Pfennig hinterlassen", sagte
der Vater mißbilligend. "Und sie selbst hat nicht einen Pfennig gespart",
ergänzte die Mutter. "Sie versteht nichts vom Fußball", sagte Junior. "Ich
habe noch nie ein Mädchen mit solch komischer Frisur gesehen", sagte die
Schwester. "Sie tut nichts als Romane lesen", sagte der Onkel. "Und sie
zieht sich geschmacklos an", sagte die Tante. "Aber sie spart nicht an Puder
und Schminke", sagte die Großmutter. "Alles richtig", sagte der Sohn, "aber
sie hat verglichen mit uns einen großen Vorteil." - "Und der wäre?" wollten alle
wissen. "Sie hat keine Familie." Anthony de Mello
Fünfzig Jahre Höflichkeit Ein älteres Ehepaar feierte nach langen
Ehejahren das Fest der Goldenen Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück dachte die
Frau: "Seit fünfzig Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und
ihm immer das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir
endlich diese Delikatesse gönnen." Sie schmierte sich das Oberteil des Brötchens
und gab das andere Teil ihrem Mann. Entgegen ihrer Erwartung war dieser
hocherfreut, küßte ihre Hand und sagte: "Mein Liebling, du bereitest mir die
größte Freude des Tages. Über fünfzig Jahre habe ich das Brötchen-Unterteil
nicht mehr gegessen, das ich vom Brötchen am allerliebsten mag. Ich dachte mir
immer; du solltest es haben, weil es dir so gut schmeckt." Nossrat
Peseschkian
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer
entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei
Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war,
blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich
entdeckte, daß an vielen Stellen meines
Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das
waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing,
dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf
allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke
ich, daß in den schwersten Zeiten meines Lebens nur
eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein
gelassen, als ich dich am meisten brauchte?“
Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich
liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in
Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen
hast, da habe ich dich getragen.“
Margaret Fishback Powers Copyright © 1964 Margaret
Fishback Powers Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag
Gießen. www.brunnen-verlag.de
Die beiden Brüder Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija.
Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und
allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen
und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das
Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße, für jeden einen
Stoß Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei
seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der ältere aber konnte keine Ruhe finden
und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin
allein und ohne Kinder, und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er.
Das ist nicht recht." Er stand auf, nahm von seinen Garben und schichtete sie
heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin
und schlief ein. In der gleichen Nacht nun, geraume Zeit später, erwachte der
Jüngere. Auch er mußte an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen:
"Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für
ihn sorgen?" Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und
leise hinüber zum Stoß des Älteren. Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden
Brüder, und wie war jeder erstaunt, daß ihre Garbenstöße die gleichen waren wie
am Abend zuvor. Aber keiner sagte dem anderen ein Wort. In der zweiten Nacht
wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben
sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu
tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie
gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten
einander in herzlicher brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie
hernieder und sprach: "Heilig, heilig sei mir dieser Ort. Hier will ich unter
den Menschen wohnen."
Nur die Liebe zählt Eine russische Legende erzählt: Ein reicher
Mann dachte auch im Sterben nur an das, woran er sein Leben lang gedacht hatte:
an sein Geld. Mit letzter Kraft löste er den Schlüssel vom Band, das er am Hals
trug, winkte der Magd, deutete auf die Truhe neben seinem Lager und befahl, ihm
den großen Beutel Geld in den Sarg zu legen. Im Himmel sah er dann einen
langen Tisch, auf dem die feinsten Speisen standen. "Sag, was kostet das
Lachsbrot?" fragte er. "Eine Kopeke", wurde ihm geantwortet. "Und die Sardine?"
"Gleich viel." - "Und diese Pastete?" "Alles eine Kopeke." Er schmunzelte.
Billig, dachte er, herrlich billig! Und er wählte sich eine ganze Platte aus.
Aber als er mit einem Goldstück bezahlen wollte, nahm der Verkäufer die Münze
nicht. "Alter", sagte er und schüttelte bedauernd den Kopf, "du hast wenig im
Leben gelernt!" "Was soll das?" murrte der Alte. "Ist mein Geld nicht gut
genug?" Da hörte er die Antwort: "Wir nehmen hier nur das Geld, das einer
verschenkt hat."
Wie ist es mit der Ehe? Der Prophet sprach über die Ehe: Vereint
seid ihr geboren, und vereint sollt ihr bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint,
wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden. Doch lasset Raum zwischen
eurem Beieinander sein. Lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch. Liebet
einander; doch macht die Liebe nicht zur Fessel: Schaffet eher daraus ein
wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen. Singet und tanzet zusammen und
seid fröhlich, doch lasset jeden von euch allein sein. Gebet einander eure
Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr. Stehet beieinander; doch nicht zu
nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels stehen einzeln. Eichbaum und
Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten. Khalil Gibran
Sich
verwandeln lassen Ein Fluss
wollte durch die Wüste zum Meer. Doch als er den unermesslichen Sand sah, wurde
ihm Angst, und er klagte: „Die Wüste wird mich austrocknen, und der heiße Atem
der Sonne wird mich vernichten oder ich werde zum stinkenden Sumpf." Da hörte
er eine Stimme, die sagte: „Vertraue dich der Wüste an." Der
Fluss entgegnete: „Bin ich dann noch ich selber? Verliere ich nicht meine
Identität?" Die Stimme aber antwortete: „Auf keinen Fall kannst du bleiben, was
du bist." So vertraute sich der Fluss der Wüste an. Wolken sogen ihn auf und
trugen ihn über die heißen Sandflächen. Als Regen wurde er am anderen Ende der
Wüste wieder abgesetzt. Und aus den Wolken floss ein Fluss, schöner und
frischer als zuvor. Und der Fluss freute sich und sagte: „Jetzt bin ich
wirklich ich."
Lieben -
wie du bist Meine Freunde sagten
seit Jahren zu mir, ich solle mich ändern. Meine Frau nickte dazu. Jeder sagte
mir immer wieder, ich solle mich ändern. Ich pflichtete ihnen bei und ich wollte
mich ändern, aber ich brachte es nicht fertig, so sehr ich mich auch bemühte.
Dann sagte eines Tages meine Frau zu mir: „Ändere dich nicht! Bleib, wie du
bist. Es ist wirklich nicht wichtig, ob du dich änderst oder nicht. Ich liebe
dich so, wie du bist. So ist es nun einmal." Diese Worte klangen wie Musik in
meinen Ohren: „Ändere dich nicht, ändere dich nicht ... ich liebe dich." Und ich
entspannte mich und ich wurde lebendig und Wunder über Wunder, ich änderte mich!
- Jetzt weiß ich, dass ich mich nicht wirklich ändern konnte, bis ich jemanden
fand, der mich liebte, ob ich mich nun änderte oder nicht. Ich danke dir, dass
du es mit mir wagst. nach
Anthony de Mello
Philemon und Baucis Es lebte einmal ein armes, altes Ehepaar, die hießen
Philemon und Baucis. Eines Tages kam der Göttervater Zeus in Menschengestalt
zu ihnen und bat um Unterkunft, da niemand sonst ihn aufgenommen hatte. Die
beiden alten Leute nahmen ihn in ihrer Hütte auf, gaben ihm zu essen und teilten
alles mit ihm, was sie hatten. Am nächsten Morgen fragte Zeus, ob sie einen
Wunsch hätten. „Wir wünschen uns, dass nicht der eine vor dem anderen stirbt",
sagte Philemon. Und Baucis fügte hinzu: „Wir lieben uns so sehr, dass es keiner
von uns ertragen könnte, am Grab des anderen zu stehen. Unser größter Wunsch ist
es, gemeinsam zu sterben." Zeus versprach es und ließ sie, als ihre Zeit
gekommen war, beide gleichzeitig sterben. Nach ihrem Tod verwandelte er sie in
zwei ewige Bäume: Philemon in eine Eiche und Baucis in eine Linde. Noch heute
stehen irgendwo Philemon und seine Frau Baucis als Bäume Seite an Seite und
ihre Äste verschlingen sich ineinander. nach
Metamorphosen von Ovid
Der glanzlose Stein In einem Juwelierladen konnte ein Brautpaar sich
nicht satt genug an den Edelsteinen sehen. Sie staunten über die Vielfalt der
Steine, über ihr Leuchten und Glitzern. Plötzlich stutzten sie. Vor ihnen lag
ein gewöhnlicher Stein, matt und ohne Glanz. Wie kommt denn der
hierher? Diese Frage hörte der Juwelier und musste lächeln. „Nehmen Sie
diesen Stein ein paar Augenblicke in Ihre Hand!" Als die Braut später die
Handfläche öffnete, strahlte der vorher glanzlose Stein in herrlichen Farben.
„Wie ist das möglich?" Der Fachmann wusste die Antwort: „Das ist ein Opal,
ein sogenannter sympathetischer Stein. Er braucht nur die Berührung mit einer
warmen Hand und schon zeigt er seine Farben und seinen Glanz. In der Wärme
entzündet sich leise und lautlos sein Licht." - Dieser
Stein ist ein tiefes Symbol für alles Gutsein und alles Zarte in unserem Leben.
Es gibt so viele Menschen auf der Erde, arm und reich, klein und groß, gebildet
und einfach, die alle nur der Berührung einer warmen Hand, eines lieben Wortes,
einer kleinen Zärtlichkeit, einer wohlwollenden Geste, eines teilnehmenden
Blickes, einer helfenden Tat bedürfen, um aufzustrahlen im Licht der
Freundlichkeit, um das Wunder der Zuneigung zu erfahren, um hell zu werden im
Glanz einer leisen Begegnung.
Kaulquappe und Weißfisch Eine Kaulquappe hatte einen Weißfisch
geehelicht. Als ihr Beine wuchsen und sie ein Frosch zu werden begann, sagte sie
eines Morgens zu ihm: „Mein Liebster, ich werde jetzt bald einer Berufung aufs
Festland nachkommen müssen; es wird angebracht sein, daß Du Dich beizeiten daran
gewöhnst, auf dem Land zu leben.." - „Aber um Himmels willen!" rief der
Weißfisch verstört, „bedenke doch, meine Liebste, ich gehöre ins Wasser! Denk an
meine Kiemen, an die Flossen!" Die Kaulquappe sah seufzend zur Decke empor.
„Liebst du mich, oder liebst du mich nicht?" „Aber ja, natürlich liebe ich dich,
ja!" hauchte der Weißfisch ergeben. „Na also!", sagte die
Kaulquappe. Wolfdietrich
Schnurre
Zwei Kugelhälften Als das Leben am Anfang stand, fielen unzählige
Kugeln auf die Erde. Bei ihrem Aufprall zersprangen sie in zwei Hälften. Uneben
und frei auseinander geteilt symbolisieren sie die unterschiedlichen Charaktere
zweier Menschen. Doch jede dieser auch noch so verschiedenen Halbkugeln ist für
ein Gegenstück bestimmt, so wie auch zwei Menschen füreinander bestimmt sind.
Wir alle sind auf der Suche nach unserer anderen Hälfte, eben
nach der anderen halben Kugel. Wenn ihr glaubt, ihr habt Eure andere Hälfte
gefunden, dann werdet ihr feststellen, dass die beiden halben Kugeln oft nur an
einer einzigen kleinen Stelle passen, was Ihr durch sorgfältiges Drehen und
Probieren herausfinden könnt. Es ist ganz natürlich, dass es am Anfang hakt und
hängen bleibt. Aber genau das macht Sinn - denn: nicht alles kann von vornherein
passen und übereinstimmen. Nun müssen beide an ihrer halben Kugel
arbeiten, schleifen und feilen. Nur langsam und in kleinen Schritten ebnet sich
dieser kantige Bruch durch das Geben und Nehmen in der Liebe. Nach einiger Zeit,
wenn sich beide Hälften abgeschliffen haben, lassen sie sich fast reibungslos zu
einer Kugel formen. Aber eben nur fast, genau passen - wie am Anfang unserer
Zeit - darf es nie, sonst verliert man seine Persönlichkeit und das was den
Menschen an Eurer Seite ausmacht. Jedoch eines vergesst nie: Ihr sollt nicht an
der anderen, sondern stets an der eigenen Hälfte feilen."
Die Insel der Gefühle Vor langer, langer Zeit existierte eine Insel, auf
der alle Gefühle der Menschen lebten: die gute Laune, die Traurigkeit, das
Wissen und so wie alle anderen Gefühle, auch die Liebe. Eines Tages wurde
den Gefühlen mitgeteilt, dass die Insel sinken würde. Also bereiteten alle ihre
Schiffe vor und verließen die Insel. Nur die Liebe wollte bis zum letzten
Augenblick warten. Bevor die Insel sank, bat die Liebe um Hilfe. Der
Reichtum fuhr auf einem luxuriösen Schiff an der Liebe vorbei. Sie fragte:
"Reichtum, kannst du mich mitnehmen?" "Nein, ich kann nicht. Auf meinem Schiff
habe ich viel Gold und Silber. Da ist kein Platz für dich." Also fragte die
Liebe den Stolz, der auf einem wunderbaren Schiff vorbeikam: " Stolz, ich bitte
dich, kannst du mich mitnehmen ?". "Liebe, ich kann dich nicht mitnehmen...",
antwortete der Stolz, "hier ist alles perfekt. Du könntest mein Schiff
beschädigen". Also fragte die Liebe die Traurigkeit, die an ihr
vorbeiging: "Traurigkeit, bitte, nimm mich mit", "Oh Liebe" sagte die
Traurigkeit, "ich bin so traurig, dass ich alleine bleiben muss."
Auch die Gute Laune ging an der Liebe vorbei, aber sie war so
zufrieden, dass sie nicht hörte, dass die Liebe sie
rief. Plötzlich sagte eine Stimme: "Komm Liebe, ich nehme dich
mit". Es war ein Alter, der sprach. Die Liebe war so dankbar und
so glücklich, dass sie vergass den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als
sie an Land kamen, ging der Alte fort. Die Liebe bemerkte, dass sie ihm viel
schuldete und fragte das Wissen: "Wissen, kannst Du mir sagen, wer mir geholfen
hat?" "Es war die Zeit" antwortete das Wissen. "Die Zeit ?",
fragte die Liebe, "Warum hat die Zeit mir geholfen ?" Und das
Wissen antwortete: "Weil nur die Zeit versteht, wie wichtig die Liebe im Leben
ist."
Muscheln
in meiner Hand Wenn
man jemanden liebt, so liebt man ihn nicht die ganze Zeit, nicht Stunde um
Stunde auf die ganz gleiche Weise. Das ist unmöglich. Es wäre sogar eine Lüge,
wollte man diesen Eindruck erwecken. Und doch ist es genau das, was die meisten
fordern. Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der
Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken
gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurückkehren. Wir verlangen
Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des
Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab - in der
Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch
Partner in der gleichen Bewegung sind. Anne Morrow
Lindbergh
Das
Brot Die Liebe
zwischen einem Mann und seiner Frau ist längst an den toten Punkt gekommen.
Seitdem er nichts mehr verdient und sie nichts mehr zu essen hat, ist das
vollends der Fall. Leer und hungrig sind sie. Ewig hungrig sitzen sie sich, wenn
er abends heimkommt, gegenüber. Und er sagt: "Gib Brot", sie.. "Gib Geld". Sie
denkt, wenn er doch endlich ginge. Aber er geht nicht. Er geht auch an dem Abend
nicht, als sie ihn anschreit, daß er nichts tauge. Er geht in die Küche und sie
meint, er esse das letzte Stück Brot. Als sie in die Küche kommt und
triumphierend "Hat es dir geschmeckt?" sagt, liegt das Brot noch da, ist in
Streifen geschnitten und schön hergerichtet. Das ist für sie so gewaltsam und
plötzlich, so wie ein Blitz einen Nachthimmel zerreißt oder wie die Sonne durch
eine Finsternis plötzlich Licht sieht. "Komm, du mußt etwas essen", sagt er.
"Ich habe keinen Hunger mehr, ich werde nie mehr Hunger haben", erwidert sie und
schiebt ihm den Kanten hin. Sie sehen sich an und stehen sich eine Weile
regungslos gegenüber. Sie starren sich in die Gesichter, wie Schiffbrüchige nach
ihrer Rettung die Sonne anstarren, die Erde und den fernen Himmel. Und sie
beginnen sich zu verstehen. Sie sieht dann, wie er das Brot bricht. Sie sieht,
wie er den halben Kanten in den Mund schiebt. Sie nimmt den anderen Kanten und
ißt und lächelt wieder. F. A. Kloth
Wie ist es
mit der Ehe? Der
Prophet sprach über die Ehe: Vereint seid ihr geboren, und vereint sollt ihr
bleiben immerdar. Ihr bleibt vereint, wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage
scheiden. Doch lasset Raum zwischen eurem Beieinander sein. Lasset Wind und
Himmel tanzen zwischen euch. Liebet einander; doch macht die Liebe nicht zur
Fessel: Schaffet eher daraus ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen.
Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch
allein sein. Gebet einander eure Herzen, doch nicht in des anderen Verwahr.
Stehet beieinander; doch nicht zu nahe beieinander: denn die Säulen des Tempels
stehen einzeln. Eichbaum und Zypresse wachsen nicht im gegenseit'gen Schatten.
Khalil Gibran
Wer liebt,
dem wachsen Flügel In
jener Nacht versprachen wir einander das einzige, was Sinn hat, einander zu
versprechen. Wir versprachen einander, den anderen sein zu lassen,
wie er ist.Wir versprachen, einander in Heiterkeit und Neugier zu
begleiten.Wir versprachen, einander allein gehen zu lassen, wenn der
andere das brauchen sollte. Und wir versprachen einander der
Gemeinsamkeit die Dankbarkeit entgegenzubringen, die sie verdient.
Wir versprachen einander, uns zu helfen, alle Steine aus dem Weg zu
räumen, die den Fluß unserer Herzen behinderten.Wir versprachen
einander, uns in dem Raum zu treffen, in dem unsere Herzen - und nur unsere
Herzen - zusammenfinden wollen.Als all das so zum ersten Mal gesagt
und gefühlt war, lachte der Weltgeist voller Heiterkeit auf, und dann breiteten
wir unsere Flügel aus und schwebten hoch und flogen weit, weit hinaus in die
unendlichen Räume des Weltenraumes, den man die Seele nennt. WER LIEBT, DEM
WACHSEN FLÜGEL. Autor: G. Barylli
Weil da ein Mensch
ist
Eine kleine Meldung in der
Zeitung: Der holländische Frachter Toloa fand im Pazifischen Ozean ein kleines
Schlauchboot, das steuerlos im Meer trieb. Darin lag bewußtlos ein
achtzehnjähriger australischer Matrose. Der junge Mann hatte sich zunächst
freiwillig zur Marine gemeldet, war aber von seinem Dienst auf dem
Flugzeugträger Sidney bald enttäuscht und beschloß eines Tages zu desertieren.
In einer Nacht ließ er ein kleines Schlauchboot auf See nieder und verließ
heimlich den Flugzeugträger. Im Glauben, er befinde sich noch nahe an der Küste
von Kalifornien, ruderte er los. Tatsächlich war das Schiff aber schon
vierhundert Seemeilen von der Küste entfernt. So trieb der Junge neunzehn Tage
im Meer. "Es war schrecklich", berichtete er nachher über seine fast dreiwöchige
Odyssee im Pazifik. Er hatte weder Wasser noch Lebensmittel bei sich. "Das
Schlimmste aber", sagte er, "war die Langeweile. Ich hatte ja nichts zu tun.
Quälend langsam vergingen die Tage, die ich allein auf der See so dahintrieb. Am
meisten dachte ich an meine Freundin und daran, daß ich sie unbedingt
wiedersehen wollte." - Immer wieder sagte er das und zu allen Leuten, die ihn
nachher im Krankenhaus besuchten: "Ich habe nur überlebt, weil ich an meine
Freundin dachte!" Lothar Zenetti
Der Ameisenmann
Eines Abends, als die Sonne gerade vor
einem Ameisenmann und seiner Liebsten unterging, wandte sie sich zu ihm und
fragte: "Hast du mich lieb?"
"Sicher", antwortete er.
"Aber ich liebe dich so, wie die Flüsse den Regen lieben, wie die Blumen
die Sonne und wie die Küsten das Meer", sagte sie und wartete auf seine
Antwort. Der Ameisenmann schwieg. Er wusste nicht, wie die Flüsse den Regen
lieben, die Blumen die Sonne oder die Küsten das Meer.
Lange nachdem seine Liebste nach Hause
gegangen war, hallten ihre Worte noch nach in seinen Gedanken, immer wieder und
wieder, bis die Sonne aufging. Schließlich sagte er zu sich: Ich muss es
herausfinden.
So stand er auf und ging hinüber zum
Fluss. Er kletterte über das steinige Ufer des Flusses und schob sich ganz nah an das
Wasser heran. "Entschuldigung", sagte der Ameisenmann über das
Gluckern hinweg, "kannst du mir sagen, warum du den Regen lieb hast?"
"Ohne den Regen", sang der Fluss, "würden meine Ufer
austrocknen, und ich würde alt werden. Jedes Mal, wenn es regnet, erneuere ich
mich und werde kräftiger. Nur durch den Regen kann ich wirklich sein."
Wie kann meine Liebste jung bleiben, wenn sie und ich jedes Jahr älter werden?
fragte der Ameisenmann. Das verstehe ich nicht. Und er wusste, dass er mit den
Blumen sprechen musste.
Er spazierte hinüber zu einem Feld voller Wildblumen.
"Entschuldigung", sagte er zu den Blumen, "könntet ihr mir
sagen, warum ihr die Sonne so lieb habt?" Eine riesige Blume beugte sich
zu dem Ameisenmann herab und sagte: "Wir lieben die Sonne, weil wir ohne
sie nicht erblühen können. Unsere Blütenblätter öffnen sich nur, wenn sie von
ihren warmen Strahlen berührt werden. Für dieses Glück folgen wir der Sonne,
wohin sie auch geht."
Das verwirrte den Ameisenmann. Wie
konnte er seinen Schatz ohne Blütenblätter erblühen lassen? Ich muss noch
weitere Fragen stellen, dachte der Ameisenmann. Und er machte sich auf den Weg
zum Meer. Der Ameisenmann wanderte die ganze Nacht
hindurch, bis er das Meer erreichte.
Am Morgen endlich konnte er die sandige Küste fragen: "Bitte, erzählst du
mir, warum du das Meer lieb hast?"
"Alles, was ich dazu sagen
kann", antwortete die sandige Küste, "ist, dass ich mich unter seinen
Wellen sicher und geborgen fühle. Ich liebe es, wenn das Meer mich mit sich
reißt. Und wenn es fortgeht, bin ich traurig. Solange, bis es
zurückkehrt."
Und plötzlich vermisste der Ameisenmann seine Liebste sehr.
Als er sich auf den Weg nach Hause machte, verstand er, wie die sandige Küste
sich fühlte. Er sehnte sich danach, die Hand seiner Liebsten in der seinen zu
spüren. Die Sonne ging gerade unter, als er sich seinem Zuhause näherte, und er
suchte nach seinem Schatz an ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz. Als er sie so alleine dasitzen sah,
begann sein Herz zu rasen. An ihrer Seite nahm er ihre Hand und fragte: "Weißt
du, dass ich dich lieb habe?" "Sicher", antwortete sie.
"Aber", sagte der Ameisenmann, "so wie das Meer den Sand der
Küste mit sich nimmt, möchte ich, dass du immer bei mir bist. So wie die Sonne
die Blumen zum Strahlen bringt, macht es mich glücklich, dass ich dich zum
Lächeln bringen kann, wenn du mich siehst. So wie der Regen den Fluss begehrt,
sehnt sich mein Herz nach dir. Ohne dich kann ich nicht der sein, der ich
bin."
Der Ameisenmann wurde still, und seine
Liebste sagte nichts. Sie drückte seine Hand, und beide lächelten sich an und
wandten sich wieder dem Sonnenuntergang zu.
(Felicia Rose Querido)
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